"Armstrong wählt das kleinere Übel"
Bei Armstrong fuhr der Dopingverdacht immer mit - jetzt gibt er klein bei. "Damit hat er das kleinere Übel gewählt", meint ARD-Dopingexperte Seppelt. Ein Prozess käme einer öffentlichen Hinrichtung gleich. Dass der ebenfalls Doping-belastete Jan Ullrich nun Armstrongs Titel zuerkannt bekommen könnte, ist für Seppelt "eine der größten Ironien der Geschichte".
tagesschau.de: Lance Armstrong spricht von einer "Hexenjagd" auf ihn und sieht sich als Opfer. Hat er den Kontakt zur Realität verloren?
Es war höchste Zeit, dass dieses fragile Denkmal zum Einsturz gebracht wurde. Und Armstrong hat angesichts dieser erdrückenden Indizienlage jetzt die Reißleine gezogen. Er dürfte wissen, dass ein öffentlicher Prozess seinem Ruf noch weitaus mehr schaden würde. Auch für seine Krebsstiftung wäre ein öffentliches Verfahren sicherlich ein Desaster. Es wäre - und ich bin sonst mit solchen Vokabeln vorsichtig - einer öffentlichen Hinrichtung eines Sport-Denkmals gleichgekommen. Insofern hat Armstrong das kleinere Übel gewählt - indem er klein beigibt.
tagesschau.de: Geht Radsport auf diesem Niveau denn überhaupt ohne Doping?
Seppelt: Es geht solange ohne Doping, wie es alle nicht machen würden. Und der Zuschauer merkt doch nicht, ob die Radfahrer 41 Kilometer pro Stunde fahren oder 39. Sobald aber einer anfängt mit Doping, müssen die anderen offensichtlich mitmachen, um den Kontakt nicht zu verlieren und mithalten zu können. Dies ist in der Struktur des kommerzialisierten Hochleistungssports quasi angelegt, selbst wenn sich die Situation des Radsports durch den öffentlichen Druck und die konsequentere Verfolgung nicht mehr als so hoffnungslos darstellt wie noch vor einigen Jahren.
Zur Person
Der Journalist "Hajo" Seppelt ist Experte für das Dopingproblem im nationalen und internationalen Sport. Seit 2006 berichtet er für die ARD über Doping und Sportpolitik. Nach seinen Recherchen musste der Internationale Radsportverband 2010 einen positiven Dopingtest des Tour-de-France-Siegers Alberto Contador eingestehen.
tagesschau.de: Dann bleibt doch nur die Konsequenz: Doping freigeben
Seppelt: Das wäre völliger Unsinn. Das würde die Gesundheit gefährden, es würde einen völlig neuen Industriezweig entstehen lassen, der sich allein mit der Kreation von leistungsfördernden Medikamenten beschäftigt. Körper würden dann getunt - wie in der Formel 1. Alles offiziell. Das wäre verheerend. Auch weil die Trennschärfe zu Kindern und Jugendlichen nur schwer gezogen werden könnte.
Es ist natürlich richtig, dass der Spitzensport oft nur eine große Heuchelei ist. Aber deswegen muss hier der Hebel angesetzt werden, nicht am Dopingverbot. Das Verbot ist überlebenswichtig für den Sport als Kulturgut.
tagesschau.de: Was bedeutet Armstrongs Schritt jetzt für Jan Ullrich? Drei Mal kam er hinter Armstrong ins Ziel in Paris. Nur einmal gewann Ulrich die Tour.
Das Interview führte Wenke Börnsen, tagesschau.de
Doping-Anklage gegen Armstrong (14.06.2012) [sport]
Armstrong kämpft nicht länger gegen Doping-Vorwürfe [S. Müller, HR Washington]
Stand: 24.08.2012 13:10 Uhr sportschau